Wertheim

Der Fliegerhorst Wertheim lag oberhalb der Stadt Wertheim, und wurde beginnend 1936 auf dem Areal des damals bestehenden Hofgutes Reinhardshof errichtet. Im Zuge der Errichtung des Platzes wurden neben den Flugplatzgebäuden auch umfangreiche Kasernenanlagen mit Unterkunfts- und Stabsgebäuden sowie einem Offizierskasino und Offizierswohnungen errichtet. Bei der Errichtung der Gebäude wurde auf heimische Baumaterialien zurückgegriffen, was einzelnen Gebäuden einen unverwechselbaren Charakter verleiht. Siehe hierzu Foto "Truppenküche" bzw. "Kantine" weiter unten. Architekt des Platzes war der Münchener Postbauschüler Walter Schüßler, der auch für Giebelstadt verantwortlich zeichnete. Von Schüssler stammte auch der Entwurf des Ehrenmales auf dem Kaffelstein oberhalb von Wertheim.

Am 19. Dezember 1937 wurde der Fliegerhorst offiziell eröffnet und durch die III./StG 165 bezogen. Stab und I./StG 165 lagen in Schweinfurt, die III. in Kitzingen. Der Verband war zunächst mit Flugzeugen vom Typ HS 123, dann mit JU 87 B ausgerüstet. Die Stuka- Gruppe - 1939 auf III./StukaG 51 umbenannt -  blieb bis 08.09.1939 auf dem Platz. Im Laufe des Krieges wechselte die Belegung des Platzes jedoch mehrfach. So lag zunächst die I./Trägergruppe 186 (Bordfliegergruppe „Graf Zeppelin“) vom 8.11.39 bis 11.04.40 in Wertheim. Zur Ausbildung des Sturzkampfflieger- Nachwuchses diente die Sturzkampf- Fliegerschule 2, die vom 3.7.1940 bis 29.04.1941 in Wertheim lag. Vom 30.04.41 bis Januar 43 folgte die Stuka- Schule1, im Dezember 1942 auf Stab Sturzkampfgeschwader 101 umbenannt. Es folgte ab Januar 1943 bis 16.05.1943 die Ergänzungsgruppe Stuka- Geschwader 77 - später IV. Stuka- Geschwader 151. Ab 1942 begann in Wertheim die Segelflugausbildung - vor allem in Hinblick auf Lastensegler DFS 230 - zunächst durch die Ergänzungsgruppe (S) 1bis 25.02.1943 und ab 9.3.43 bis zum 14.12.1943 durch die Lastenschleppausbildungsstaffel für Stuka- Verbände. Parallel dazu erfolgte die Neuaufstellung der II./ZG 76 mit Bf 110 vom August 1943 bis Januar 1944. In der Zeit vom 7.5.44 bis 10.6.44 gab die Flugzeugführerschule B15 ein kurzes Gastspiel auf dem Platz, wobei - wie schon bei der Lastenschleppausbildung - auch der Einsatzhafen Dornberg mitgenutzt wurde. Zum Ende des Krieges verlegte ab Februar 1945 die Nachtschlachtgruppe 1 (Süd) nach Wertheim. Sie blieb dort bis zur Einnahme des Platzes durch voranrückende amerikanische Kräfte.

Am 01.04.1945 (Ostern 1945) wurde der Platz durch anrückende amerikanische Truppen besetzt. Vor ihrem Abrücken sprengten deutsche Truppen am 31.03.1945 Teile des Platzes, insbesondere im Bereich der technischen Einrichtungen (KFZ- Hof etc.). Von Juli bis Weihnachten 1945 wurde der Fliegerhorst zunächst als Lager für sogenannte "Displaced Persons" (DPs) - in Deutschland eingesetzte Fremdarbeiter - genutzt. Zeitweise waren dort ca. 6.000 Polen und 9.000 Russen untergebracht. Am 9.11.1945 stellten die Polen die Forderung, die Stadt zur Plünderung freizugeben. Um dieses Vorhaben zu verhindern ließ der örtliche kommandierende Offizier, Cptn. Barber, den Platz mit Panzern umstellen. Dieses Eingreifen zu Gunsten der Stadt Wertheim führte dazu, daß sich das anfangs sehr gespannte Verhältnis zwischen der Bevölkerung und den Besatzungstruppen etwas entspannte. Nach abgeschlossener Rückführung der DPs dienten die Kasernen ab Februar 1946 als Flüchtlingssiedlung. Teilweise richteten sich in nutzbaren Gebäuden auch Handwerks- und Gewerbebetriebe ein. Das Flugfeld wurde landwirtschaftlich genutzt.

Im Zuge der Verstärkung der alliierten Streitkräfte in Deutschland griffen die amerikanischen Streitkräfte auf das Gebiet de ehemaligen Fliegerhorstes zu. Ab Mitte 1951 begann die Räumung des Platzes und die Ansiedlung der Bewohner im Stadtteil Bestenheid. In diesem Zusammenhang möchte ich auf eine ähnliche Situation in Crailsheim hinweisen. Dort fiel jedoch die Entscheidung die Einwohner in den Kasernen zu belassen und statt dessen für die amerikanischen Truppen eine neue Kaserne zu errichten.

Am 12. Juni 1952 wurde die später als "Peden Barracks" genannte Kaserne in Betrieb genommen. Als erste Einheit wurde eine Hubschrauber- Staffel in Wertheim stationiert, die 1985 nach Schwäbisch Hall verlegte. Ab 17. Dezember 1954 verlegte zusätzlich die 72. Feldartillerie- Gruppe (später 72. Feldartilleriebrigade) nach Wertheim, die Mitte der 80er Jahre um die 4/27 Fieldartillery verstärkt wurde. Man kann also sagen, daß ab 1954 der Schwerpunkt der Nutzung der Kaserne bei den bodengestützten Verbänden lag und die fliegerische Nutzung nur eine untergeordnete Rolle spielte.

Die Stationierung der amerikanischen Truppen machte erhebliche Erweiterungen der Kaserneninfrastruktur erforderlich. Das betraf nicht nur die Unterkünfte und Familienwohnungen sondern auch die technischen Bereiche zum Beispiel für Panzer und anderes schweres Gerät. Weiterhin wurde eine befestigte Start- und Landebahn von 600 m Länge gebaut, da während des Krieges ausschließlich von einer Grasnarbe geflogen wurde.

Nach Ende des Kalten Krieges begann eine Reduzierung der amerikanischen Streitkräfte in Deutschland, in deren Verlauf auch die Peden Barracks als verzichtbar eingestuft wurden. Ab dem Frühjahr 1992 begann der Abzug der amerikanischen Truppen, der Mitte 1994 abgeschlossen war.

Nach der Freigabe des Fliegerhorstes bemühte sich die Stadt Wertheim um eine Folgenutzung. So konnte in einer Reihe von Gebäuden der Kaserne eine Außenstelle der Landespolizeischule Baden- Württemberg eingerichtet werden. Nicht ganz im Sinne der Stadt war die Einrichtung eines Asylantenheimes in weiteren freiwerdenden Kasernenbauten. Interessanterweise lag diese Sammelunterkunft in unmittelbarer Nähe zur Polizeischule - eine Nachbarschaft, die laut Zeitzeugen nicht frei von Konflikten war. Inzwischen ist die Situation durch die Auflösung der Sammelunterkunft bereinigt.

Seit 1.1.1997 ist die Stadt Wertheim Besitzer des Fliegerhorst- Geländes und betreibt intensiv die Konversion hin zu einem neuen Stadtteil. Eine weitere fliegerische Nutzung (auch zivil) wurde ausgeschlossen. Das Flugfeld wird zu einem Gewerbegebiet , die ehemalige Housing- Area in ein Wohngebiet umgewandelt.

Nachfolgend lade ich zu einem virtuellen "Spaziergang" über den Platz ein. Die folgende Luftaufnahme führt mittels "Mouse over" zu den verschiedenen Einrichtungen des Platzes.

FamilienwohnungenKommandeursvillaOffz- CasinoOffz- UnterkünfteWacheKommandanturKFZ- HofUnterkünfteUnterkünfte - jetzt PolizeischuleSan- RevierKücheeinziger erhaltener HangarHalle - zerstörtKantineFlugleitung (zerstört)Werft (zerstört)Annahme und VersandHalle - zerstörtHalle - zerstörtMittelteil zerstörtTorbogenAntreteplatzUnterkünfte (zerstört)UnterkünfteWaffenmeisterei und Feuerwehr - jetzt Jugendzentrumerhaltener Rest Flugleitung - heute GaststätteBauleitung/PoststelleTankanlage

Luftaufnahme © luftbilddatenbank.de

Abb. 1: Wache Peden Barracks ca. 1990. Im Bild rechts das Wachlokal Hauptwache / Main gate Peden Barracks Abb. 2: Wache heute (Bäcker und Metzger) / Gatehouse today (Baker and Butcher's shop)

 

Abb. 3: Unterkünfte und Blick auf Torbogen / Former Quarters Abb. 4: Kommandantur / Station HQ

 

Abb. 5: Tordurchfahrt 1937 - Im Hintergrund San- Revier Abb. 6: Dieselbe Situation 2003 - Blick auf das San- Revier durch das US- Kino verdeckt
Gateway - Situation 1937 - Sick- Quarters visible in background Same situation 2003 - View on Sick- Quarters obscured by cinema built by US- Army

 

Abb. 7: Staffelunterkünfte / former quarters Abb. 8: Staffelunterkünfte - ehem. Asylbewerberunterkunft

Abb. 9: Bauliche Details am/über Unterkunftseingang Abb. 10: Constuction details at/above quarters- door

 

Abb. 11: Truppenküche - jetzt Polizeikantine / Former Mess- Hall, now utilized by Police- Acadamy Abb. 12: Frühere Soldatenkantine / former canteen for private- ranks

 

Abb. 13: Letzter erhaltener Hangar / last remaining pre- war hangar Abb. 14: Feuerwache und Waffenmeisterei / Fire- depot and armoury 

 

Abb. 15: Startbahn / view down runway Abb. 16: Selber Blick 2001 / same view 2001

 

Abb. 17: Ehemaliges Offizierscasino - jetzt Altenzentrum / Former Officers- mess - now Senior Citzens Center

Abb. 18: Ehemaliges Offizierscasino - Rückansicht mit Teehaus / rear view with tea- pavilion

Abb. 19: Offizierscasino - Kamin / Officers Mess - fireplace in Hall Abb. 20: Offizierscasino - Festsaal / Officers Mess - ball- room resp. banqueting - room

 

Abb. 21: Kommandantenvilla vor '45 / Commanders Villa prior '45 Abb. 22: Familienwohnungen bis '45 / Family Housing prior 1945

 

Referenzen: Stadt Wertheim "Der Reinhardshof - Von der Kaserne zum neuen Stadtteil". Eine ausgezeichnete Dokumentation, in der detailliert auch einzelne Gebäude und deren Umnutung im Zuge der Konversion beschrieben werden.

Fotos: Abb. 1, 4, 15: Stadt Wertheim. Alle anderen Aufnahmen © Bernhard Weiss

Meinen Dank an die Stadt Wertheim für die freundliche Unterstützung. Ich empfehle den Besuch der Website der Stadt und möchte darauf hinweisen, daß Wertheim mit seiner Lage an der Mündung der Tauber in den Main immer einen Besuch wert ist - nicht nur - aber auch - des Weines wegen.


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