Tarnewitz

 

Da es sich um eine Erprobungsstelle (E-Stelle) der deutschen Wehrmacht für Flugzeugbewaffnung handelte, musste ein Standort gewählt werden, der über ein ausreichend großes Schießgebiet verfügen sollte. Daher wurde eine Untiefe in der Ostsee, nahe der Insel Lieps zwischen Lübeck und Wismar gewählt, da diese den gewünschten Erfordernissen gerecht wurde.
Schon im September 1935 begannen die Bauarbeiten. Es wurden Deiche aufgeschüttet sowie Spundwände gesetzt. Nachdem die Aufspülungsarbeiten mit Seesand beendet waren, wurde diese Fläche (etwas mehr als 1km Durchmesser) mit einer Bitumendecke versiegelt.
Der E-Stelle oblag die Erprobung der durch die Industrie entwickelten Waffensysteme und im engen Zusammenhang auch die Weiterentwicklung bis zur Einsatzreife. Außerdem wurden die im Einsatz gesammelten Erfahrungen genutzt, um daraus die günstigsten Einbauvarianten von Waffen und deren Systeme zu ermitteln. Weiterhin erfolgte die Erprobung von Maschinengewehren, Bordkanonen, Bordraketen und Sondergeräten. Dabei legte man großen Wert auf die drallstabilisierte Rakete RZ 65.
Weiterhin probte man in den laufenden Jahren verschiedene Muster von Raketenbewaffnung. So kamen die RZ 73 (Kal. 73mm), Rz 15/8 (Kal. 150mm) und RZ 100 (Kal. 420mm), später dann auch Werfergranaten (Wgr 21), sowie R4M Bordraketen dazu.
Für Ausrüstungsversuche kamen zum großteil Flugzeuge vom Typ Me 262, Bf 110, Fw 190 sowie Ba 349!
Tarnewitz teilte nicht das Schicksal der meisten Flugplätze. die E-Stelle blieb bis Kriegsende von Bombenangriffen verschont. Der erste Angriff von amerikanischen Jägern erfolgte im Mai 1944.

 


Abb. 1: Die Gesamtanlage im Jahre 1941

Bei Kriegsende 1945 wurden die wichtigsten Erprobungsflugzeuge nach Schleswig-Holstein überführt. Amerikanische Soldaten nahmen die E-Stelle ein. Intakte Anlagen wurden durchsucht, wichtiges Material sofort mitgenommen. Munition wurde im Hafen versenkt!
Danach folgte die Rote Arme, die die Zufahrtsstrassen, Teile des Rollfeldes sowie übriggebliebene Anlagen sprengte. Erhalten blieben zum einen die gesamten Wohnungen der Offiziere (Heimatschutzstil), sind auch heutzutage noch bewohnt, sowie einige kleinere Gebäude wie die Wache.
1952 wurde die Halbinsel von der See-Polizei übernommen. Später wurde das Objekt der 4.Flotille der Volksmarine zugeordnet. 1963 nahm die Grenzbrigade Küste das Gebiet in Besitz, die Tarnewitz bis zur Auflösung der NVA 1990 unter Kontrolle hielt. In dieser Zeit wurden der Hafen erneuert sowie zahlreiche neue Gebäude und Anlagen errichtet.

Abb. 2: Situation des Geländes Mitte der 90er Jahre Abb. 3: .... und der Hafen jetzt

Die Bundeswehr, die das Objekt 1990 übernahm, zog sich bald wieder zurück. Große Teile der Halbinsel befinden inzwischen in den Besitz der Familie Mast aus Braunschweig (Jägermeister) übergegangen und sind weitgehend Natur. Die Bucht im vorderen Bereich des Foto wurde zu einer Marina, mit angrenzender Hotelanlage und Badestrand entwickelt. Dazu wurden sämtliche von der NVA errichteten Gebäude und Anlagen abgerissen.

Von der einstigen Erprobungsstelle Tarnewitz finden sich also kaum noch Reste. Zum Teil gut erhalten sind jedoch die bereits oben erwähnetn Gebäude für die Bediensteten und Offiziere der E- Stelle. Diese finden sich im Stadtbild von Boltenhagen und an der Straße von Boltenhagen nach Tarnewitz, so rund um die Friedrich- Engels- Strasse, den Robert- Blum- Platz oder die Albin- Köbis- Siedlung.

Abb. 4: Häuser der Albin- Köbis- Siedlung Abb. 5: Lage der Albin- Köbis- Siedlung

Abb. 6: Fliegerhorstgebäude - jetzt Ostseetherme Abb. 7: An der Albin- Köbis- Siedlung, gegenüber Ostseeklinik

Abb. 8: Heutige Friedrich-Engels-Straße. Ein ganzer Strassenzug mit einem einheitlichen Haustyp, nahezu komplett erhalten Abb. 9: Lage

Abb. 10: Heutige August-Bebel-Straße. Hier findet man unterschiedliche Haustypen Abb. 11: Heutige Rudolf-Breitscheid-Straße

Quellen:

Text nach: "Flugerprobungsstellen bis 1945: Johannisthal, Lipezk, Rechlin, Travemünde, Tarnewitz, Peenemünde-West von Heinrich Beauvais"
Luftaufnahmen: Andreas Voss
Kartenausschnitte: Mit freundlicher Genehmigung satzhaus® für Druck und Werbegrafik
Abb. 4, 6, 7 und 8, 10, 11: Joachim Werner


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