Marx

In Friesland, südwestlich des Fliegerhorstes Jever, befand sich bis 1945 der Einsatzhafen Marx, ggf. auch bekannt unter dem Namen Bohlenberger Feld. Der Platz Marx ist aus verscheidenen Gründen einer näheren Betrachtung wert. Zum Einen ist zu bemerken, daß dieser Platz während des Krieges infrastrukturell stark ausgebaut wurde. Das sonst bei Einsatzhäfen üblicherweise aus einer Grasnarbe bestehenede Flugbetriebsgelände wurde mit drei betonierten, in Dreiecksform angelegten, Start- und Landebahnen versehen. Die betonierte Flugplatzringstraße sowie die betonierten Flugzeugabstellplätze am Rande des Flugbetriebsgeländes erinnern eher an einen voll ausgebauten Fliegerhorst als an einen Einsatzhafen. Hier kann man unbedingt eine Parallele zum Ausbau der benachbarten Plätze Wittmund und Varel (Friedrichsfeld) ziehen. Es ist interessant festzustellen, daß zwar die umliegenden Einsatzhäfen ausgebaut wurden, der Leithorst Jever dahingegen nicht. In Bezug auf die Gebäudeinfrastruktur verblieb der Platz jedoch auf dem Stand eines Einsatzhafens, d. h., daß Holzbaracken - teilweise auch einfache Steinbauten - das Bild bestimmten.

Interessant ist auch die Belegung des Platzes. Zu Beginn des Krieges - vom Februar bis Juli 1940 - beherbergte Marx die aus Marinefliegern gebildete Kampfgruppe 126. Diese Kampfgruppe führte, ausgerüstet mit He 111, Seekrieg gegen England. Das heißt, daß von Marx aus Minen- und Torpedoeinsätze gegen die britische Flotte geflogen wurden. Man kann also sagen, daß Marx der einzige Platz in Deutschland war, von dem aus direkt in die Kämpfe um England eingegriffen wurde. Die Kampfgruppe 126 verlegte ab Juli 1940 dann weiter nach Frankreich. Zur Belegung jedoch weiter unten mehr.

 

Die Geschichte des Platzes

Der Platz selber wurde in den 30er Jahren, wie schon gesagt, als Einsatzhafen errichtet. Dem Bau des Platzes gingen lange Verhandlungen mit dem Großgrundbesitzer, dem die "Barger Schäferei" gehörte, auf deren Gelände der Platz errichtet werden sollte, voraus. Die Besitzer waren - und sind noch heute - die Familie Mettcker, denen unter anderem ein Druckhaus gehört, das u. a. die "Wilhelmshavener Zeitung" herausgibt. Die Familie war jedoch keineswegs gewillt, dem Reich Teile ihres Grundbesitzes zu verkaufen. Noch heute im oldenburgischen Staatsarchiv erhaltene Akten zeugen von langen, zähen Verhandlungen. Wiederholt wurde an die "patriotische Gesinnung" der Familie appelliert. Als alles nichts nützte einigte man sich schließlich auf eine Pacht des Geländes.

Entsprechend einfach wurden auch die ersten Gebäude ausgeführt. Die "Barger Schäferei" wurde als Liegenschaftsgebäude mitgenutzt.

Barger Schäferei, Werft - Abb. 12 und 13Flugzeugboxen - weitgehend verschwundenBoxen AR 234ehem. Mun- DepotBereich Kommandantur und UnterkunftNordost- Bereich (Abstellräume und 2. WerftKiesababau

Abb.1: Übersichtsskizze über die Lage des Platzes - unvollständig, in Teilen ungenau

In Anlehnung an die "Barger Schäferei" entstanden einfache Holzbaracken. Diese Bereiche sind auf der Skizze schraffiert gekennzeichnet. Die "Interaktive Karte" fürht zu Einzelheiten. Bereits zu Friedenszeiten wurde der Platz zu Schulungszwecken genutzt. Nachfolgende Fotos (Abb. 2 und 3) entstanden Ende der 30er Jahre. Eine genaue Datierung fehlt.

Abb. 4: Die Lage des Unterkunfts- und Wirtschaftsbereiches wird durch nachfolgende grobe Skizze verdeutlicht.

Trafohaus, Abb. 10Kommandantur, Abb. 5Offz- Heim, Abb. 6Lage der Löschwasserzisterne, Abb. 11heutige Bundesstraßeerhaltene SteinbarackeWerft

Die Aufnahmen (Abb. 5 und 6) zeigen Offiziere des Stabes der Kampfgruppe 126 vor der Kommandantur- Baracke sowie das Inneres des Offizieres- Speisesaales in der Baracke des Offz- Heimes.

Wie oben bereits angedeutet, geben beide Lagepläne nur einen groben Überblick über die Lage des Platzes und seiner Einrichtungen. Genauere Zeichnungen sind durch Heimatforscher erstellt worden, können hier aber schon aus Platzgründen nicht wiedergegeben werden, da der Platz im Laufe des Krieges immer weiter ausgedehnt wurde und insbesondere die Abstellplätze sich über Kilometer im Umkreis ersteckten. So fehlt auf der Abb. 1 der Eintrag des Munitionsdepots und seiner Anschlußbahn (siehe unten Abb.8 und 9). Dieses Depot ist übrigens nicht mit dem heute noch existierenden Marine- Munitionsdepot zu verwechseln.

Wie bereits oben erwähnt, wurde Marx erst mit Beginn des Westfeldzuges durch fliegende Verbände belegt. Außer der Kampfgruppe 126 sind hier insbesondere die I./ZG 1 mit BF 110 von 11.3.40 - 8.4.40 sowie die III./KG 30 "Adler" mit Ju 88 von 4.40 - 28.6.40 zu nennen. Die zeitweise starke Belegung des Platzes machte es erforderlich, daß insbesondere die Flugzeugbesatzungen in teilweise weit entfernten Privatquartieren - insbeondere bei Landwirten - untergebraccht waren. Zeitzeugen berichten von den starken persönlichen Belastungen, denen die Besatzungen der Kampfgruppe 126 unterworfen waren. Da insbesondere die Mineneinsatze gegen England vornehmlich nachts geflogen wurden, mussten die Besatzungen tagsüber schlafen. Eine Unterbringung in Holzbaracken oder gar Zelten auf dem tagsüber sehr lebhaften Platz selber verbot sich daher.

Für die Folgejahren kann angenommen werden, daß Marx insbesondere durch die in Jever stationierten Jagdverbände mitgenutzt wurde. Eine verbriefte Stationierung ist die der II./JG 11 vom 2.10.43 - 12.11.43, die vorher in Jever lag. Wie bereits bei der Untersuchung der Geschichte des Platzes Varel festgestellt, muß davon ausgegangen werden, daß die offizielle "Postanschrift" von Staffeln oder Gruppenteilen nicht in jedem Fall auch mit ihrer tasächlichen Stationierung übereinstimmt, also einzelne Staffeln von Jever nach Marx "ausgelagert" wurden. Ähnlich verhält es sich mit dem Stab sowie I. und III. Gruppe des KG 54 "Totenkopf", die sich in den ersten 8 Monaten des Jahres 1944 auf die benachbarten Plätze Jever, Marx und Wittmund verteilten, sowie Teilen der Nachtjagdgeschwader 2 und 3 Ende 1944 und Anfang 1945. Diese lagen verbrieft in Jever, Marx und Varel.

Das Jet- Zeitalter hielt im März und April 1945 in Marx Einzug mit der III./ KG 76, ausgerüstet mit Ar 234. Für diese Maschinen wurden besondere Splitterboxen errichtet. Hierzu wurden Vertiefungen ausgehoben, in die die Maschinen gerollt wurden. Die hierbei gewonnene Erde wurde zu hohen Wällen links und rechts der Vertiefung aufgeworfen, das Ganze anschließend mit Tarnnetzen abgedeckt. Ein Modell dieser Abstellboxen ist im Luftwaffenmuseum in Gatow zu sehen. Auch heute noch sind die erstaunlicherweise gut erhaltenen Boxen in einem Wald in der Nähe des Platzes zu finden. Auf Grund der inzwischen dichten Bewaldung der Wälle war es mir nicht möglich, ein aussagekräftiges Foto zu machen. Als Hinweis sei gesagt, daß die Lage dieser Boxen in Abb. 1 nicht korrekt wiedergegeben wurde.

Mit Ende des Krieges endete auch die Geschichte des Platzes Marx. Er wurde von den Besatzungsmächten "demilitarisiert", der bestehende Pachtvertrag aufgelöst.

Im Jahre 1955 rückte Marx noch einmal in den Blickwinkel der Luftwaffe. Im Zuge des Aufbaus der Luftwaffe untersuchte eine Kommission ehemalige Fliegerhorste auf ihre Eignung als künftige Luftwaffenstandorte. Hierbei wurde auch Marx begutachtet und als geeignet bewertet. Letztendlich wurde jedoch Wittmund der Vorzug gegeben.

 

Was ist geblieben?

Seit einer ganzen Reihe von Jahren haben die Eigentümer des Geländes Teile des ehemaligen Platzes zum Kiesabbau freigegeben. Andere Teile werden landwirtschaftlich genutzt. Die Konturen des Platzes - noch Anfang der 70er Jahre aus der Luft gut zu erkennen (siehe nachfolgende Abb. 7) - verschwinden zunehmend. Die obige Karte gem. Abb. 1 und die Luftaufnahme wurden so gedreht, daß sie beide den gleichen Blickwinkel zeigen. Eine strikte Nordausrichtung, wie bei Abb. 4 konnte jedoch nicht erreicht werden.

Der aufmerksame Besucher des Platzes wird heute noch eine Reihe von Relikten vorfinden. In der "Barger Schäferei" stand eine Rundbogenhalle der Flugzeugwerft. Die Halle bestand aus Rundbögen aus Metall, abgestützt auf Betonsockel. Die Metallkonstruktion wurde nach dem Krieg durch "findige" Schrotthändler abgebaut, bevor der Pächter des Hofes einschreiten konnte, obwohl er sie gerne für landwirtschaftliche Zwecke genutzt hätte. Heute steht auf der Grundplatte der Halle eine neue erbaute landwirtschaftliche Halle. In den Wänden sind unschwer die in die Mauern integrierten Betonsockel zu erkennen (Abb. 12). Der Hof besteht noch aus der original Betonfläche, die sich vor der Werfthalle ausdehnte. Deutlich sind die später verfüllten Sprenglöcher zu erkennen, die durch das Demilitarisierungsteam hinterlassen wurden. Im ehemaligen Unterkunftsbereich existiert noch eine originale Steinbaracke, die heute als Privatwohnhaus dient. Weiterhin sind neben Trümmern ein Trafohaus und eine Löschwasserzisterne zu finden.

Das letzte Bild (Abb. 14) zeigt ein Teil der betonierten Flugplatzringstraße im äußersten Westen des Platzes, auf der unten stehenden Luftaufnahme oben links zu erkennen.

angeschnitten: Barger Schäferei, Werft - Abb. 12 und 13FlugplatzringstrasseLöschwasserzisterne, Abb. 11Trafo- Haus, Abb. 10. Siehe auch Skizze obenAbstellflächen SüdwestAbstellflächen NordostNordost- Bereich (Abstellräume und 2. Werfterhaltene Steinbaracke. Siehe Skizze oben

Die "interaktive Luftaufnahme" führt zu einigen heute noch erhaltenen Relikten des Platzes. Hierbei liegt die schon erwähnte "Barger Schäferei" kanpp unterhalb des linken Drittels der Luftaufnahme.

Abb. 8: ehemaliger Lokschuppen der Munitionsbahn

Abb. 9: Zufahrt zum ehemaligen Munitionsdepot

Abb. 10: Einfahrt zum Flugplatz - ehemaliges Trafohaus

Abb. 11: ehemalige Löschwasserzisterne

Abb. 12: Betonsockel der Werfthalle im Mauerwerk der heutigen Halle

Abb. 13: Sprenglöcher auf dem Hof - hinten wieder der Betonsockel

 

Abbildungsnachweis:

Abbildungen 1- 6: Archiv Arno Wurm, Wiesmoor

Abbildung 7: Rolf Wurster

Abbildung 8 - 14: Verfasser

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