DER EINSATZHAFEN I. ORDNUNG LICHTENAU (östlich von Neuburg/Donau)

E-Häfen waren unbelegt und dienten lediglich der zeitweisen Aufnahme von Verbänden im Mob- Fall. Bei E-Häfen wurde auf Eisenbahnanschluß, Einbau unterirdischer Tankanlagen, größere Baulichkeiten und Lager verzichtet. Die notwendigsten Werkstätten wurden in dem in Platznähe errichteten landwirtschaftlichen Gehöft untergebracht, das von einem sog. 'Platzökonom' bewohnt und verwaltet wurde. Wert wurde lediglich auf guten Straßenanschluß sowie das Vorhandensein zweier, rechtwinklig zueinander liegender, unbefestigter Start- und Landebahnen (je 500 m Breite und 1000 m Länge) in den Hauptwindrichtungen gelegt. Auch der Truppe gegenüber wurde die Existenz dieser E-Häfen zunächst geheim gehalten, nur die höheren Stäbe und Luftkreiskommandos waren über Lage und Verteilung der E-Häfen in ihrem jeweiligen Dienstbereich informiert.

Auf Plänen des Landbauamtes Donauwörth wird der Begriff "Fliegerlager" [Neuburg] verwendet.)

 

Der E-Hafen Lichtenau hat seinen Ursprung in langfristigen Pachtverträgen mit der DELHAG für ein 365 Tagwerk großes Wiesengelände bei Lichtenheim vom Dezember 1934. In der Folgezeit wurde dieses Gelände durch Planierung und Drainage den Erfordernissen eines "Notlandeplatzes" angepaßt. Die Zweckbestimmung ergibt sich aus den auf den Seiten 237 bis 240 gezeigten Richtlinien des Reichsministers der Luftfahrt. Damit ist auch der Umfang der Hochbauten beschrieben, auf die der Platz beschränkt blieb.

Vorbereitende Baumaßnahmen liefen bereits im Mai 1935 an, größere Bauarbeiten jedoch erst im Frühjahr 1936. Zum Zeitpunkt der Sudetenkrise im September/Oktober 1938 war die Anlage so weit hergestellt, daß sie aktiviert werden konnte. Gleichzeitig wurde die Unterkunftkapazität durch die Errichtung von acht Baracken auf insgesamt 1000 Mann erhöht. Die Belegungsstärke betrug jedoch nur ca. 300 Mann. Der Flugbetrieb wurde erst im Mai 1939 aufgenommen, als die auf dem Fliegerhorst Manching (Ingolstadt) neu aufgestellte Flugzeugführerschule A/B 123 den E-Hafen als Arbeitsplatz für Ausbildungsflüge nutzte

Obgleich für E-Häfen kein Bahnanschluß vorgesehen war, begünstigte die Lage des Platzes in der Nähe der Bahnlinie Augsburg - Ingolstadt die Errichtung von umfangreichen Gleisanlagen, die noch vor Kriegsausbruch abgeschlossen wurde. Trotz des hohen Grundwasserstandes wurden auch sechs Erdtanks für die Treibstofflagerung eingebaut. die erst in den achtziger Jahren wieder entfernt wurden. Das Vorhandensein der Gleisanlagen brachte es mit sich, daß für einige Wochen militärische Hochtechnologie in Lichtenau einzog: Die Kommandos Java I und Sumatra, auf Eisenbahnwaggons verlastete Flugmeldeeinheiten, die normalerweise an der Ostfront bei der sog. Eisenbahnnachtjagd mobile Funkmeßführung ermöglichten, lagen im Winter 1942/1943 für einige Wochen in Lichtenau.

An Einsatzeinheiten gaben jeweils Teile der I./KG 55 (Winterbelegung), der IV./KG 40 und der III./KG(J) 54 unterschiedlich lange Gastspiele auf dem Platz. Dazwischen blieb er zeitweise unbelegt und wurde sogar 1942 durch Hindernisse unbenutzbar gemacht, um vor eventuellen feindlichen Luftlandungen sicher zu sein.

Eine dauerhaftere Bleibe fanden ab 1943 die Luftwaffen-Beute-Sichtungs- und Weiterleitungsstellen 2 und 6. Beide waren auf den guten Bahnanschluß angewiesen, da ihr Material in langen Güterzügen angeliefert und nach der Bearbeitung wieder abtransportiert wurde. Es handelte sich dabei vornehmlich um die Überreste von geborgenen deutschen und alliierten Flugwracks, die in Lichtenau zerlegt, der Schrott sortiert und den Verwertungsbetrieben wieder zugeführt wurde. Hierfür waren ca. 300 Soldaten und etwa die gleiche Anzahl von griechischen, italienischen und russischen Kriegsgefangenen/Fremdarbeitern eingesetzt.

Da der Platz nur während der Kriegszeit belegt war (und auch dann nicht durchgehend), blieben die wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen auf die Gemeinde Lichtenau insgesamt gering. Außer den notorischen Jagdbomberbesuchen in den letzten Kriegsmonaten fanden keine Angriffe auf die Anlage und ihre Umgebung statt. Sie wurde vor der Annäherung der US-Army geräumt. Der Inhalt der Gebäude wurde mit Billigung durch die abziehende Truppe der umliegenden Bevölkerung "zur weiteren Verwertung" überlassen. Bevor sie jedoch gänzlich ausgeräumt waren, wurden die Baracken von irgendjemanden niedergebrannt. Die ersten amerikanischen Soldaten tauchten erst am 4. Mai 1945 im Dorf auf.

Den günstigen Bahnanschluß nutzend, diente das Gelände mit den noch erhaltenen Gebäuden ab 1946 für einige Monate als Verteilerzentrum für Care-Pakete.

Der "Kernbereich" des E-Hafens, das landwirtschaftliche Anwesen, ist heute noch nur geringfügig verändert zu sehen. Alle anderen Einrichtungen sind zur Gänze abgeräumt, das Gelände wird wieder landwirtschaftlich, bzw. zur Kiesgewinnung genutzt.

Belegungsübersicht

KG 55 [Teile] Nov. 1939 - 10.05.1940

RAD-Abt. K 5/208 (L305) [Franken] - 29.11.1941

Kommando Java I *) 02.11.1942 - 10.12.1942

Kommando Sumatra (Inge Braun) **) 27.12.1942 - 26.02.1943

Lw-Beute-Sichtungs- und Weiterleitungsstelle 2: 04.08.1943 - 03.12.1944

Lw-Beute-Sichtungs- und Weiterleitungsstelle 6: 27.07.1944 - ?

mit L.Sch.Zug 237/VII

10. - 12./KG 40 [Nur Personal] 07.12.1944 - ?

 

*) Im Oktober 1942 wurde die Ln-Flugmeldeabteilung (E) z.b.V. 21 aufgestellt. Die Abteilung war komplett auf Eisenbahnwaggons verlastet. Da sie damit sehr mobil war, wurde sie vornehmlich im Osten, der nicht mit einer flächendeckenden Nachtjagdinfrastruktur versehen werden konnte, als sog. "Eisenbahnnachtjagd" eingesetzt.

Sie bestand aus:

- 3 Eisenbahnflugmeldekompanien mit je

- 1 Flugmeldeteil = Sumatra I - III und

- 1 Jägerleitteil = Java I - III.

Der Zug einer Kompanie bestand aus 22 Waggons mit ca. 130 Mann:

- 8 Waggons - Mannschaftsunterkünfte

- 4 Waggons - Würzburg Riese I

- 4 Waggons - Würzburg Riese II

- 2 Waggons - Freya I

- 2 Waggons - Freya II

je 1 Waggon für Auswertung, Funkstelle, Nachrichtengeräteverwaltung, Geschäftszimmer, Küche, Krankenrevier, Kfz und Gerät (1 Lkw, 1 VW-Kübelwagen, 1 Krad, 1 Generator).

**) Die drei Züge des Kdo Sumatra wurden mit Anna, Inge und Lotte Braun bezeichnet.

Quelle:

E. Liebe/A. Weissmann, Silberplatz C 65 317, Materialsammlung zur Geschichte des Fliegerhorstes Neuburg a.d.D. 1936 - 1945

 


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