Giebelstadt

 

Der Fliegerhorst Giebelstadt ist zweifelsohne einer der traditionsreichsten Plätze in Deutschland. Heute durch die US-Army genutzt, finden sich leider nur noch wenige Spuren der ursprünglichen Infrastruktur. Der Platz selber und seine Baugeschichte sind jedoch gut dokumentiert und in jedem Fall einer näheren Betrachtung wert.

Die landschaftlichen Gegebenheiten südlich von Würzburg ließen die Gegend um Giebelstadt schon früh in das Blickfeld der Planer um den für den Aufbau von Fliegerhorsten verantwortlichen Fliegerkommodore der D.V.S. - später General - Kesselring rücken. Das flache Gelände sowie die günstigen klimatischen Verhältnisse boten sich für den Bau eines Platzes geradezu an. Bereits im Juni 1934 wurden erste Geländeerkundungen durchgeführt, denen sich ab 28.08.1934 Verhandlungen mit den beteiligten Gemeinden Giebelstadt und Acholshausen sowie den individuellen Grundeigentümern anschlossen. Insgesamt wurden für eine erste Ausbaustufe des Platzes 180 ha Land benötigt. Die Bauarbeiten begannen im Spätsommer 1934 und wurden - wie auch von anderen Plätzen her bekannt - zügig durchgeführt, so daß bereits am 2.5.1935 Richtfest gefeiert werden konnte. Da 1934 offiziell noch keine Luftwaffe existierte, wurden die Bauarbeiten unter der Tarnbezeichnung "Höhenflugzentrale der Deutschen Verkehrsflieger Schule" durchgeführt. Die Enttarnung der Luftwaffe fand ja bekanntlich zum 1.3.1935 statt.

Der Platz war vorgesehen für die Aufnahme einer Gruppe eines Kampfgeschwaders, und zwar zunächst der I. Gruppe des KG 155. Diese Gruppe wurde zum 1.10. 1935 als "Fliegergruppe Giebelstadt" aufgestellt. Aber bereits per 1.4.1935 wird in der Literatur das Kampfgeschwader 455 als interne Bezeichnung der "Fliegergruppe Giebelstadt" erwähnt. Die I. Gruppe des KG 155 blieb bis zum 1.2.38 am Platz und verlegte dann nach dem Anschluß Österreichs nach Wiener Neustadt. Ab 1.4.1937 wurde dann die III./KG 355 in Giebelstadt aufgestellt. Die Gruppe wurde dann zur III./KG 53 "Legion Condor". Stab und erste Gruppe lagen ins Ansbach, die II. Gruppe in Schwäbisch Hall. Für den Bau des Platzes zeichnete Walter Schüßler verantwortlich. Als Schüler der "Münchener Postbauschule" errichtete er in Giebelstadt Bauten, die zunächst nicht viel mit herkömmlichen Kasernenbauten zu tun hatten und so mit den Begriff der "Luftwaffenmoderne" in der Architektur begründete, gleichzeitig aber auch geradezu musterhaft die im Nationalsozialismus charakteristische Zuordnung von Baustilen zu Gebäuden unterschiedlicher Zweckbestimmung zeigt. Hier sei verwiesen auf Schlichtheit der Unterkunftsgebäude und dazu im Gegensatz die rustikale Ausführung der Mannschaftskantine unter reichlicher Verwendung von Bruchstein und Holz. Die Verpflichtung eines Architekten, der an ästhetisch hochwertigen Baulösungen geschult war, führte zu einer besonders attraktiven Ausführung der Gesamtanlage, die dann auch in der einschlägigen zeitgenössischen Literatur ihren Niederschlag fand. Das Flugfeld bestand zunächst aus einer Grasnarbe samt zweier befestigter Startplattformen.

Abb. 1: Gelungenes Beispiel der "Luftwaffenmoderne" - Offiziersunterkünfte in Giebelstadt

>

Der Bau des Fliegerhorstes führte zu einer Reihe von Wechselwirkungen zwischen Staat und Gemeinde. Zunächst brachte der Fliegerhorst- Bau einen starken wirtschaftlichen Aufschwung und führte zu einem spürbaren Abbau der Arbeitslosigkeit in der Region. Die Ansiedlung von Soldaten und Beamten im Ort machte die Schaffung von Wohnraum erforderlich, denn trotz des Namens "Giebelstadt" konnte der Ort vor 1934 allenfalls als Dorf bezeichnet werden. Der Bau der sogenannten Ost- und Westsiedlung brachte nun tatsächlich ein wenig Urbanität in diesen etwas abgeschiedenen Ort. Zum anderen war Giebelstadt als Geburts- und Wohnort des Ritters und Bauernführer Florian Geyer von beträchtlichem Symbolwert, da Florian Geyer durch die Nationalsozialisten propagandistisch vereinnahmt wurden. So wurde die in Giebelstadt stationierte Kampfgruppe im offiziellen Sprachgebrauch nicht, wie sonst üblich als "Fliegergruppe + Ortsnamen", sondern als "Kampfgruppe Florian Geyer" benannt. Die Veranstaltung von jährlichen "Florian-Geyer- Festspielen" ab 1936 zum Beispiel brachte auch einen Aufschwung im Bereich des Tourismus.

Abb. 2 und 3: Familienwohnungen der "Ostsiedlung"

Wichtige Ereignisse in der Vorkriegsgeschichte des Platzes waren der Besuch Adolf Hitlers am 17.09.1936 anlässlich einer großen Parade nach einer Korpsübung sowie am 17.02.1937 die Übergabe der Truppenfahne durch General Kesselring, nun in seiner Funktion als Chef des Generalstabes der Luftwaffe. Die Truppenfahne trug die Inschrift "Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte".

Nachdem zu Kriegsbeginn die platzeigene Gruppe auf Einsatzhäfen verlegt hatte, nahm Giebelstadt vom 23.02. - 23.03. sowie vom 23.04. - 10.05.1940 die I./KG 2 "Holzhammer" auf. Danach wurde es zunächst ruhig in Giebelstadt. Es gab nur vereinzelte Stationierungen. So verlegte die I./KG 76 vom 24.10.1940 bis 04.41 zur Umrüstung von Do17 auf Ju88 nach Giebelstadt. die III./KG 76 weilte von 08 - 09.41 sowie von 04 - 05.42, Stab und I./KG 77 von 12.41 - 1.42 zur Auffrischung am Platz. Ab 1944 wurde Giebelstadt in die Planungen für die Errichtung von "Silberplätzen", also Fliegerhorsten für Strahlfugzeuge einbezogen. Hierzu musste eine befestigte Startbahn errichtet werden. Dieses wiederum machte ein erhebliche Ausweitung des Fliegerhorst- Geländes erforderlich. Zudem wurden zur Dislozierung der Flugzeuge Abstellplätze in Entfernungen von einigen Kilometern vom Platz errichtet, zum Beispiel im Klingholz. Durch diese Baumaßnahmen erweiterte sich das Fliegerhorst- Gelände auf 250ha. Der so ausgebaute Platz wurde hauptsächlich durch den Stab und die I./KG 54, die ab 22.08.1944 mit Me262 am Platz stationiert waren. Die I./ KG 54 verließ den Platz am 28.03.45, während der Stab bis zur Aufgabe des Platzes vor Ort blieb. Kurzzeitig nutzten auch der Stab sowie die I./KG 51 Giebelstadt, und zwar vom 20. - 30.03.1945. Diese herausgehobene Rolle des Platzes machte Giebelstadt zu einem Ziel Alliierter Luftangriffe. Das Ende des Platzes als Fliegerhorst der Luftwaffe kam am 1.4.1945, als er von Teilen der 12. amerikanischen Panzerdivision kampflos eingenommen wurde.

Trotz erheblicher Zerstörungen bzw. Beschädigungen an einer ganzen Reihe von Gebäuden nahm bereits kurz nach Kriegsende die US-Luftwaffe den Platz in die Nutzung. Dokumentiert sind die 50 Fighter Group mit P-47 vom 20.04.45 - 20.05.1945, die 417 Fighter Squadron vom 24.04.45 - 20.05.45, die 306 Bombardment Group mit B-17 vom 25.12.45 - 23.02.46, die 160 Tactical Reconnaissance Squadron vom 22.09.45 - 23.11.45, die 55 Fighter Group mit P-51 vom 05.05.46 - 20.08.46  und die 31 Fighter Group mit P-51 vom 20.08.46 - 29.09.1946. In der Folge wurde die bereits vorhandene betonierte Startbahn 1947 durch das 850. US- Luftwaffenpionier- Bataillon auf 7200 Fuß (2.195m) Länge ausgebaut. Dieses bedeute jedoch eine Verkürzung der im Krieg gebauten Bahn. Vergleiche hierzu nachfolgende Luftaufnahme mit der aktuellen Lage weiter unten. 

Startplattform aus der ersten Bausphase des PlatzesStartplattform aus der ersten Bausphase des Platzesheutige Bundesstrasse B 19heutige Bundesstrasse B 19Rollweg nach NordenStartbahnteil westlich der heutigen B 19 - heute nicht mehr vorhandenAbstellplätze an heutiger B 19Ost- Siedlung des FliegerhorstesWest- Siedlung des FliegerhorstesTankanlage 1Tankanlage 2Halle 1 - nach dem Krieg abgerissenBefehlsstelle/Flugleitung - im Krieg beschädigt, nach dem Krieg abgerissenHalle 2, im Krieg zerstörtWerftbereich, im Krieg zerstörtKFZ- BereichMuintionslagerHalle IV (zerstört)Halle V - erhaltenStabsgebäudeWacheWirtschaftsgebäudeFeuerwache - zerstörtUnterkünfte - teilweise erhaltenHalle VIHalle VIISchwimmbadExerzierhalle - zerstört

Abb. 4: Ausbaustand des Platzes zum Ende des Krieges. Deutlich zu erkennen die Verlängerung der Startbahn über die heutige B 19 hinweg nach Westen, der Rollweg in Richtung Klingholz sowie die starke Erweiterung des Platzes durch die Anlage einer befestigten Startbahn sowie diverse Bombentreffer. Die Unterkunftsbereiche lagen rechts außerhalb des Bildes. "Mouse Over" führt zu Details der Luftaufnahme

Abb. 5: Reste der originalen Startbahn reichen noch heute bis an die Bundesstrasse 19

Neben Jagdverbänden nutzt auch das Strategic Air Command Europe den Platz als Einsatzhafen für B-29- Bomber. Am 15. Januar 1948 legten die Amerikaner den Platz still und räumten ihn. Einzig ein kleines Wachkommando blieb vor Ort.

Erst im April 1950 wurde der Flugplatz wieder eröffnet und mit der 603rd Air Control and Warning Squadron belegt, die eine radargestützte Luftraumüberwachungsstation errichtete. Diese wurde 1956 von der 602nd abgelöst. Das Dasein dieser Einheit währte bis zum 31.12.1968. Dann wurde die Radarüberwachung dieses Abschnittes im süddeutschen Luftraum durch das CRC Lauda übernommen, betrieben von der Radarführungsabteilung 23 der Luftwaffe. Jedoch auch diese ist seit dem Frühjahr 2004 Geschichte.

In den Jahren zwischen 1950 und 1977 wechselten die Nutzer des Platzes und damit auch die Obhut über den Platz mehrfach zwischen amerikanischen und deutschen Stellen. Ursprünglich war 1961 die Übergabe des Platzes an die Bundesluftwaffe vorgesehen, worauf jedoch dann verzichtet wurde. Schließlich wurde am 1.7.1977 der Platz der US Army übergeben, die ihn seither intensiv als Hubschrauberbasis nutzt. Die deutsche Seite wird hier durch die Außenstelle der Standortverwaltung Würzburg repräsentiert. Ein besonderes Kapitel stellt die Nutzung von Giebelstadt als Stationierungsort für die Höhenaufklärer vom Typ U2 in den Jahren 1958 - 1961 dar. Auch der durch seinen Abschuss über der Sowjetunion und langjährige Gefangenschaft bekannt gewordene CIA- Agent Garry Powers führte einen Teil seiner Einsätze von Giebelstadt aus durch. Zeitzeugen berichten, dass Powers in Giebelstadt - und insbesondere in den Lokalitäten des Ortes - eine bekannte Person war.

Abschließend soll auch noch auf die Kasernenanlage im bereits erwähnten Klingholz hingewiesen werden, die 1968 als Emil-von-Behring- Kaserne eröffnet wurde und viele Jahre die Sanitätsakademie der Luftwaffe beherbergte. Seit Mitte der 90er Jahre geschlossen hat sich dort inzwischen ein "Technologie- Park" eingerichtet.

Wie bereits oben erwähnt, war die Gebäudeinfrastruktur des Platzes durch Bombenangriffe stark in Mitleidenschaft genommen worden. Anders als auf anderen Plätzen wurden die beschädigten Gebäude jedoch nicht wieder aufgebaut sonder Zug um Zug abgetragen und insbesondere in den Jahren ab 1977 durch moderne Unterkunfts- und Funktionsgebäude ersetzt. So kann man heute bei einem Besuch auf dem Platz nur noch wenige originale Gebäude entdecken, unter anderem die ehemalige Halle V, das Gebäude der Mannschaftsküche und -Kantine oder Stabsgebäude. Die nachfolgenden Fotos sollen einen kleinen Überblick über verschwundene und erhaltene Baulichkeiten auf dem Platz geben.

StabsgebäudeWirtschaftsgebäudeehem. KommandeurshäuserHalle V - erhaltenUnterkünfte - teilweise erhaltenSchwimmbadKFZ- Hofehem. HauptwacheOst- Siedlung des Fliegerhorstesehem. West- Siedlung des Fliegerhorstes

Abb. 6: Ausschnitt aus aktueller Karte 1:50 000 - Details durch "Mouse Over"

Abb. 7: Zustand 50er Jahre: Im Vordergrund ehemalige Kommandantur, dahinter erhaltener Teil Mannschaftsunterkunft (siehe nachfolgendes Bild) sowie Halle V. Rechts sowie im Hintergrund noch die Ruinen von Unterkunftsgebäuden und Lehrsaal (Hintergrund Mitte)

Abb. 8: Mannschaftsunterkunft - linker Teil zerstört. Ganz links im Bild Ecke der Kommandantur

Abb. 9: Erhaltener rechter Gebäudetrakt

Abb. 10: Später abgerissene Halle 1 Abb. 11: Rückseitenansicht der eilzerstörten Befehlsstelle/Flugleitung 

Ansichten des Wirtschaftsgebäudes

Abb. 12: Wirtschaftsgebäude 1936 - kurz vor Fertigstellung

Abb. 13: Nach Kriegsende schwer beschädigt

Abb. 14: Heute - PX und Snack Bar

Abb. 15: Innenansicht 1936

 

Credits:

Abb. 1, 8, 12, 15: Luftwaffenmuseum Gatow

Abb. 4, 7, 9, 10, 11, 13: Sammlung Fliegerhorst Giebelstadt

Abb. 2, 3, 5, 6, 14: Archiv Bernhard Weiss


Zurück