Fliegerhorste

Geschichte

Mit dem Aufkommen der Fliegerei zu Beginn des 20. Jahrhunderts setzte sofort auch eine militärische Nutzung des neuen Transportmittels "Flugzeug" oder "Luftschiff" ein. Vor dem 1. Weltkrieg begann insbesondere in Deutschland unter Regie der Marine für die Luftschiffahrt eine stürmische Entwicklung. An verschiedensten Orten entstanden Luftschiffbasen, die auch in späteren Jahren - nach Ende des Krieges bzw. nach Einstellung der Luftschiffahrt - als Flugplätze oder Fliegerhorte weiter verwendet wurden. Hier sollen nur einige bekannte Namen genannt werden: Ahlhorn, Düsseldorf, Frankfurt, Nordholz oder Wittmund. Von den einstigen Luftschiffbasen sind heute fast keine Spuren mehr zu finden. Lediglich einzelne Gebäude wie z. B. Stabsgebäude oder Offiziersmessen haben die Zeit überdauert. Da durch den Versailler Vertrag dem deutschen Reich zunächst der Aufbau einer eigenen Luftwaffe untersagt war, unternahm die Reichswehr insgeheim Anstrengungen z. B. zur Heranbildung von Flugzeugführernachwuchs in "Verkehrsfliegerschulen". Weiterhin wurden insgeheim Vorbereitungen zum Bau von Militärflugplätzen begonnen. Nachdem ab 1935 offiziell der Aufbau einer Luftwaffe unter Führung des Reichsmarschalls Hermann Göring begann, entstanden innerhalb weniger Jahre eine große Anzahl von Fliegerhorsten und Einsatzhäfen in Deutschland. Bis zum Beginn des 2. Weltkrieges waren im Reichsgebiet 65 Leithorste und 204 Einsatzhäfen einsatzbereit.

Fliegerhorste und Einsatzhäfen unterschieden sich stark von der vorgehaltenen Infrastruktur. Die Fliegerhorste waren als permanente Friedensstandorte voll ausgebaut. Diese Fliegerhorste waren mehr oder weniger nach dem gleichen Schema aufgebaut: Der Kern bildete ein Flugfeld, auf dem entweder je nach Wetterlage eine Start- und Landerichtung festgelegt wurde, oder auf dem drei permantente Start- und Landebahnen in Dreiecksform ausgelegt waren. Diese Start- und Landebahnen waren - wo erforderlich - auch befestigt. An das Flugfeld schlossen sich an die Werftbereiche mit den dazugehörigen Luftfahrzeughallen sowie Unterkunftsbereiche mit Unterkunfts- Stabs und sonstigen Versorgungsgebäuden wie KFZ- Bereich, Küchen, Kantinen oder Kasino, aber auch Heizwerk etc. Etwas abgesetzt befanden sich Tanklager, Munitionslager oder aber auch Schießstände.

Ehemaliges Kasino Trollenhagen (Foto:wolff@radartutorial.eu)

Einsatzhäfen dahingegen waren nicht für eine ständige Belegung vorgesehen. Ihre Anlage richtete sich auch nach Gesichtspunkten der Geheimhaltung. So waren Einsatzhäfen häufig als landwirtschaftliche Güter getarnt. Das Fluggelände war teilweise nicht durch den Staat gekauft sondern nur angepachtet. Das bedeutete, daß das Flugfeld als Weide genutzt wurde. Entweder mähten ortsansäßige Landwirte die Grünflächen in regelmäßigen Abständen oder angelegte Schäfereien sorgten für eine ständig kurze Grasnarbe. Gebäude wurden nur im Umfang normaler landwirtschaftlicher Betriebe vorgehalten, also z. B. ein Kommandantur- Haus, daß sich von der Größe her nicht wesentlich von einem normalen landwirtschaftlichen Wohngebäude unterschied und ein Gerätelager. Auf dem Dachboden des Gerätelagers konnten auch Unterkünfte für Mannschaften bereitgestellt werden. Das Kommandantur- Haus diente teilweise einem "Platzlandwirt" als Wohn- und Bürogebäude. Natürlich verbot sich bei einer derartigen Konzeption der Bau von Flugzeughallen oder die Anlage von betonierten Vorfeldern.

 

Haus des Platzkommandanten und benachbarte Werfthalle des Einsatzhafens Grossostheim

Die Umsetzung lokaler Bautraditionen und die Verwendung lokaler Baumaterialien ist beispielhaft ausgeführt.

Eisenbahnanschlüsse zur Versorgung der Einsatzhäfen wurden - schon aus Gründen der Tarnung - nur sehr einfach ausgeführt. Beispiel Grossostheim:

 

"Einsatzhäfen II. Ordnung" verfügten in der Regel über keinen eigenen Eisenbahnanschluß. Um die materielle Versorgung des Platzes - z. B. mit Treibstoff - sicherstellen zu können, wurden stattdessen Eisenbahnwaggons mittels der sogenannten "Culemeyer"- Strassenroller zugeführt. Das bedeutete, daß Eisenbahnwaggons auf einem in der Nähe gelegenen Bahnhof auf Culemeyer- Fahrzeuge verladen und per Strassentransport an den Flugplatz gebracht wurden. Dort erfolgte die Entladung an einer sog. "Culemeyer- Rampe". Unter Umständen verfügte der Platz noch über kurze Gleisstücke, auf denen die Eisenbahnwaggons rangiert werden konnten. Eine Illustration der Culemeyer- Transporte bietet die "Merzhausen"- Seite.

Ein weiterer Standard der Einsatzhäfen war die Errichtung von drei oberirdischen Bunkern in der Nähe der Plätze. In diesen Bunkern wurde zusätzliches Material für den Einsatzhafen gelagert. Derartige Bunker sind heute noch verschiedentlich zu finden. Die Abbildung zeigt einen erhaltenen Bunker des Einsatzhafens Gahro.

Foto: Wolfgang Musil

Die erwähnte zunächst sehr einfache Ausstattung der Einsatzhäfen schloß jedoch nicht aus, daß im Laufe des Krieges auf Grund der militärischen Entwicklung bestimmte Einsatzhäfen zügig ausgebaut und mit befestigten Startbahnen, Hallen etc. versehen wurden.

Bedingt durch die unterschiedliche Konzeption von Fliegerhorsten und Einsatzhäfen ist heute die "Spurenlage" sehr verschieden. So wurden die Ländereien von Einsatzhäfen unmittelbar nach dem Krieg oft an ihre ursprünglichen Besitzer zurückgegeben bzw. die bestehenden Pachtverträge gelöst. So ist es zu erklären, daß von manchen Einsatzhäfen heute keine oder nur noch sehr geringe Spuren zu finden sind. Anders die Lage der Fliegerhorste. Das Gelände gehörte dem Staat. Auf Grund ihrer sehr soliden Ausführung boten sich die Kasernen und technischen Bereiche für die Besatzungstruppen als Standorte an. Besatzungssoldaten lobten ihre "neuen" Unterkünfte oft als "besser, als was man zu Hause hatte". Später wurden diese Liegenschaften vielfach an die neu aufgestellte Bundeswehr übergeben. Daher ist hier die "Spurenlage" noch gut. Der luftfahrthistorisch Interessierte wird auf der Suche nach ehemaligen Plätze zu nächst nach Spuren des Flugfeldes suchen. Auch längst aufgegebene Fliegerhorste (wie hier Bad Zwischenahn) haben ihre Spuren in der Landschaft hinterlassen. Der Ausschnitt aus der Karte 1 : 50.000 zeigt deutlich die einstige Lage des Flugfeldes, begrenzt durch die ehemalige Fliegerhorstringstraße. Vergleiche mit den im unten genannten Buch "Fliegerhorste" veröffentlichten Skizzen führen zu interessanten Ergebnissen.

Aber auch Gebäude ehemaliger Fliegerhorste können heute noch leicht wiedererkannt werden, wenn der Interessierte mit "offenen Augen" sucht.

Hier stehen insbesondere die Plätze der "Aufbaujahre" 1935 - 37 für teilweise repräsentative Architektur. Beim Bau der Plätze wurde auf regionale Besonderheiten Rücksicht genommen und versucht die Gebäude dem landschaftlichen Baustil anzupassen (Stichwort: Heimatschutzstil). Die Art der Bauausführung jener Zeit ist durchaus markant und kann noch heute leicht wiedererkannt werden.

Geschichten und Legenden

Um die verschiedensten Flugplätze und Fliegerhorste ranken sich eine Reihe von Geschichten und Legenden. Hierbei scheint es fast so, als ob der wachsende Abstand zu den historischen Tatsachen und dem Verschwinden der letzten Zeitzeugen eine derartige Legendenbildung eher fördert als daß eine sachliche Betrachtung Einzug hält. An dieser Stelle sollen einige der oft vorkommenden Legenden aufgezählt und auf ihren Inhalt hin überprüft werden.

Enteignungen

Der schnelle Aufbau der Luftwaffe anch 1933 erforderte den Bau zahlreicher neuer Fliegerhorste und Einsatzhäfen. Hierbei stellte sich insbesondere der Grunderwerb selber als äußerst zeitaufwenig heraus. Archiv- Unterlagen belegen, daß sich die Ankaufsverhandlungen oft über ein Jahr und mehr hinzogen. Dabei wurde beim Grundstückpreis um Pfennige regelrecht gefeilscht. So versuchte z. B. das Reich beim Ankauf von Gelände für den Fliegerhorst Giessen den Quadratmeterpreis von 70 auf 65 Pfg zu drücken. Dazu kamen Zahlungen für Ernteausfälle bzw. verlorenes Saatgut. Einigungen kamen oft erst zu Stande, als Landwirten Ausgleichsgrundstücke aus staatlichem oder städtischem Besitz zugewiesen wurden. Schließlich hatten insbesondere die ansässigen Gemeinden ein lebhaftes Interesse an der Ansiedlung eines Luftwaffenstandortes, um Arbeitsplätze während der Bauzeit und während des Betriebes zu schaffen oder die örtliche Infrastruktur zu verbessern. Bei besonders hartnäckigen Grundeigentümern wurde auch schon mal "Seelenmassage" betrieben, z. B. durch Appelle an die "partriotische Gesinnung" oder durch Einschaltung des Ortsbauernführers und anderer Instanzen. War der Grundeigentümer nicht gewillt zu verkaufen, kam auch eine Regelung auf Pachtbasis in Frage. Enteignungen kamen sicherlich vor, blieben aber in jedem Fall die Ausnahme. In diesem Zusammennhang muß man sich vor Augen führen, daß insbesondere vor der Enttarnung der Luftwaffe als Käufer gar nicht das Reich, sondern andere - auch "private" - Stellen auftraten. Ein formales Enteigungsverfahren wäre an dieser Stelle problematisch gewesen. Nicht zuletzt versuchte das Reich wenn möglich gar nicht als Käufer aufzutreten, sondern die Grundstücke von den jeweiligen Gemeinden kostenfrei zur Nutzung zu erhalten. Diese Praxis hat Nachwirkungen bis heute. So nutzt noch heute die Bundeswehr Liegenschaften, die bei eines Aufgabe des Standortes nicht verkauft werden können, sondern an die Gemeinde zurückgegeben werden müssen - frei von Altlasten versteht sich. Unterm Strich bleibt festzuhalten, daß die immer wieder umlaufenden Geschichten vom wackeren Landmann, dem morgens auf seinem Acker von einem Luftwaffenoffizier bedeutet wurde, daß dieses ab heute ein Fliegerhorst sei, dem Bereich der Legenden zuzuordnen ist.

Unterirdisches

Besonders beliebt scheinen alle Geschichten über unterirdische Anlagen auf Fliegerhorsten zu sein. Hier gibt es kaum ein Gerücht, daß nicht mit Ausdauer kolportiert wird, seien es nun ein unterirdisches Lazarett oder mit Aufzügen versehene unterirdische Hangare. Glaubt man diesen Geschichten, steht in Frankfurt auch noch in einem unterirdischen Hangar die Fluchtmaschine des "Führers". Mir scheint es an der Zeit, hier mit derartigen Legenden gründlich aufzuräumen. Befasst man sich ernsthaft mit der Geschichte der Luftwaffe und insbesondere der Einsatzkonzeption vor dem 2. Weltkrieg, also in der Zeit, als die Plätze entstanden, so stellt man fest, daß die Konzeption die Fliegerhorste als Friedensstandorte sah, während im Kriegsfalle der Einsatz von den oben beschriebenen Einsatzhäfen aus erfolgen sollte - was ja dann auch im Wesentlichen so geschah. Daher bestand also gar keine Veranlassung zur Anlage von unterirdischen Gelassen, die über die normalen Gebäudekeller hinaus gingen. Inspiziert man die Unterkunftsgebäude von in den 30er Jahren entstandenen Plätzen wird man feststellen, daß oft noch nicht einmal Luftschutzräume eingerichtet waren. Die Bauart der Keller geht in vielen Fliegerhorsten über die von normalen Wohngebäuden nicht hinaus. Dieses schließt nicht aus, daß auf verschiedenen Plätzen doch Luftschutzräume samt gasdichten Türen realisiert wurden. Auf anderen Plätzen wurden die Gebäudedächer gehärtet, also in Vollbetonbauweise ausgeführt. Hierzu ein Foto aus Rothwesten, aufgenommen in den 50er Jahren:

 

Ein "Schmankerl" am Rande: Auch bei den für die Kommandeure errichteten Dienstvillen am Rande eines Platzes findet sich ein Luftschutzraum nur in der jeweils größten Villa - sozusagen ein früher "Panic- Room" für den Kommandeur.

 

Die Abbildung zeigt den gut erhaltenen Luftschutzraum des Kommandeurswohnhauses in Giebelstadt

Schließlich muß festgestellt werden, daß auch die knappe Bauzeit und die knappen Finanzmittel die Anlage von ausgedehnten unterirdischen Anlagen gar nicht zuliessen. Als einzigen "Kompromiss" biete ich an, daß man tatsächlich gelegentlich "unterirdische Anlagen" errichtet hat, z. B. mehrstöckige Keller, die durch die Lage von Gebäuden an einer Geländestufe entstanden.

Fliegerhorste und Flugplätze (soweit Quellen vorhanden)


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