Eschwege

Eschwege ist sicherlich einer der weniger bekannten Fliegerhorste der Luftwaffe. Trotzdem - oder gerade dewegen lohnt es, sich mit der Geschichte des Platzes zu befassen und sie zu dokumentieren, bevor sie ganz in Vergessenheit gerät. Interessanterweise finden sich noch heute eine ganze Reihe steinerner Zeugen, denn der Platz wurde im Krieg - bis auf einzelne Gebäude - nicht zerstört und die Liegenschaften werden seitdem intensiv genutzt. Durch die Umnutzung der Gebäude sowie die Aufteilung des Geländes in eine ganze Reihe von Gewerbegrundstücken muß man oft genau hinsehen, um die ehemaligen Fliegerhorst- Bauten also solche identifizieren zu können. Hierbei sind insbesondere Bauten im technischen Bereich nicht ohne Weiteres zugänglich. Eine vorherige Anmeldung bei den nutzenden Firmen ist erforderlich.

Die Geschichte des Platzes

Als kurz nach 1933 zunächst im Geheimen der Aufbau der neuen Luftwaffe begann und seitens des Reichsluftfahrtministeriums auch im Hessischen erste Standorterkundungen duchgeführt wurden, erkannte man in Eschwege die Chance durch den Aufbau einer Luftwaffengarnison der darnieder liegenden Wirtschaft Auftrieb zu geben. Als die Gefahr bestand, daß die Luftwaffe sich auf Grund schwieriger Geländeverhältnisse gegen Eschwege aussprechen könnte, setzten die Stadtväter alle Hebel in Bewegung um eine negative Entscheidung abzuwenden. Dabei unterstützte die Stadt die Luftwaffe auch aktiv bei der Grundstücksbeschaffung. Hierbei war weniger das Flugfeld ein Problem - der "Hirtenrasen" an der Werra war eh eine "sauere Wiese". Vielmehr ging es darum, die Ackerflächen des Bauern Bierschenk zu erwerben, die im Bereich der geplanten Kaserne lagen. Hier wurden letztendlich landwirtschaftliche Flächen einer staatlichen Domäne bereitgestellt, um dem Landwirt einen Ausgleich für die aufzugebenden Grundstücke zu verschaffen. Der Bau des Platzes war dann geprägt durch seine Lage zwischen den Flüssen Werra und Wehre sowie den in Ost- West- Richtung verlaufenden Trasse von Bahn und Strasse. So lässt sich der für Luftwaffen- Verhältnisse eher ungewöhnlich kompakte Aufbau von Kaserne und technischem Bereich erklären. Ausgeplant wurde der Fliegerhorst Eschwege letztendlich nicht als Stationierungsort eines fliegenden Verbandes, sondern als Kreisflugpark.

Der Bau begann am 1.10.1935 unter Leitung des Architekten Alfred Müller und war bereits ein halbes Jahr später so weit fortgeschritten, daß der Platz am 30.3.1936 offiziell eröffnet werden konnte. Ohne die Leistung des Architekten hier schmälern zu wollen, ist doch anzumerken, daß die Entwürfe sowohl für Unterkünfte als auch für die Hallen eher konservativ gestaltet waren. Von einer "Luftwaffenmoderne" im Baustil ist nicht viel zu erkennen. Insbeondere die Unterkünfte ähneln sehr stark den zur geleichen Zeit in Eschwege errichteten Panzerkaserne.

Abb. 1: 20.11.1937 - Übergabe der Truppenfahne an die II./ KG 254

Abb. 2: dito

Im Herbst 1936 begann der Aufbau des Luftparks Eschwege unter Leitung von Major Siebel, der dann auch Kommandat des Platzes wurde. Major Siebel verstarb 1938 und wurde am 12.08.38 beigesetzt. (Siehe Abb. 1 und 2) Der Luftpark selber wurde 1939 als Feldluftpark 3/XII ins Feld verlegt. Vor Ort zurück blieb eine Feldwerft- Ersatz- Abteilung. Das Stationierungsende dieser Abteilung ist nicht bekannt.

Abb. 3: 12.08.1938 - Trauerfeier für Maj. Siebel, Hangar 2

Abb. 4: Trauerzug verlässt den Fliegerhorst durch die Hauptwache

Parallel zum militärischen Flugbetrieb nutzte auch die NSFK- Gruppe "Mitte" unter Leitung von Elmar von Eschwege den Platz.

Am 15.3.1937 wurde in Eschwege im Zuge der "Zellteilung" die II./KG 254 aus der II./KG 154 "Boelke" gebildet. Die Gruppe blieb bis zum 23.10.1938 und verlegten dann über eine Zwischenstationierung in Giessen nach Gütersloh.

Der nächste fliegende Verband in Eschwge war die Aufklärungsgruppe (H) 23, die mit HS 126- Hochdeckern ausgerüstet war. Aufgestellt wurden zunächst die 1. und 2. Staffel, wobei der Kern der neuen Staffeln aus Grossenhain stammte. Es folgten die 3. Staffel (Aufstellung ab Januar 1939) sowie die 4. und 5., die ab Dezember 1940 aufgestellt wurden. Es ist nicht bekannt, wie lange diese Staffeln auf dem Platz verblieben. Da es sich jedoch um Nahaufklärer handelte, ist davon auszugehen, daß sie schnellstmöglich an die Front verlegt wurden.

Nach einem RLM- Dokument vom 15.01.1942 wurde der Fliegerhorst Eschwege zu Teilen der Firma AGO für die Feldwerftabteilung zur Verfügung gestellt worden, andere Teile standen den Luftgaukommandos XII und XIII als Luftnachrichtensammelstelle zur Verfügung. Erst Ende März 1945 kamen mit Stab Nachtschlachtgruppe 2 sowie der 1. und 3. Staffel der Gruppe wieder Einsatzeinheiten nach Eschwege. Die NSGr 2 flog Ju 87.

Bereits am 03.04.1945 besetzten amerikanischen Einheiten den Platz. Dieser wurde vom 09.04.45 bis 21.09.45 von Einheiten der 67. Tactical Recconnasance Group sowie der 10. Recconnasance Group mit P-38 und P-51 belegt.

Im Laufe des Krieges war der Fliegerhorst mehrfach das Ziel von Luftangriffen, so auch am 19.04.1944 und am 22.02.1945. Wie bereits oben erwähnt, hielt sich der angerichtete Schaden jedoch in Grenzen. Bei einem der Angriffe wurden von Bord einer Maschine Aufnahmen des Angriffs gemacht. Eine dieser Aufnahmen wurde dann von der RAF zu Propagandazwecken veröffentlicht. Die nachfolgende Abbildung zeigt einen Ausschnitt daraus. Mittig im Bild liegt die auf der Planskizze als Nr. 12 gekennzeichnete Halle. Rechts daneben liegt die Werft (Nr. 3 auf dem Plan). Unterhalb der Halle Nr. 12 liegt das "Annahme- und Versand"- Gebäude mit Gleisanschluß (Nr. 4 auf dem Plan), rechts davon das Heizwerk (Nr. 11) sowie eine Werkstatt.

Abb. 5: Luftangriff - oben links und Mitte sind die fallenden Bomben zu erkennen

Ein britischer Bombenangriff fand in der Nacht vom 18. auf den 19. Juli 1940 statt. Dabei kam es an Bord einer der angreifenden Maschinen, einer Hampden mit der Registrierung P1324 zu dramatischen Ereignissen. Bei dem Angriff aus einer Höhe von ca. 5.000 ft wurde das Flugzeug durch Flak getroffen. Der Pilot, Pilot Officer W. Walker wurde verwundet und fiel in Bewußtlosigkeit. Der Bombenschütze und Navigator, Pilot Officer D.A. Romans kletterte in das Cockpit, setzte sich auf den Schoß des bewußtlosen Pilot und flog die Maschine nach Hause.

Nach Abzug der amerikanischen Einheiten wurden die Unterkünfte durch "Displaced Persons" belegt. Die technischen Bereiche wurden Ende 1948 in ein Industriegelände umgewandelt. Lediglich eine kleine amerikanische Einheit, die in Altefeld eine Funkaufklärungsstation betrieb, nutzte in den 50er Jahren einen kleinen Bereich des ehemaligen Fliegerhorstes.

Heute sind die ehemaligen Unterkünfte umgewandelt in Wohnungen. Das ehemalige Stabsgebäude beherbergt heute das Finnzamt. In die ehemalige Hauptwache ist ein China- Restaurant eingezogen. Ein weiteres Bespiel für den Wandel in der Nutzung des ehemaligen Fliegerhorstes ist das ehemalige Offizierscasino. Nach Ende des Krieges wurde es bis 1954 als Restaurant "Stadthalle" betrieben. Danach wurde das Gebäude Lehrwerkstatt für die Firma Fergusson. Seither waren dort verschiedene mittelständische Betriebe ansässig.

Bildergalerie Eschwege

4, Hauptwache6, Kommandantur7, Offz- Casino8, Unterkünfte3, Werft12, Lagerhaus Flugzeugersatz11, Flugzeughallen14, Waffenmeisterei9, Annahme und Versand19, Heizzentrale I53, Flugleitung13 und 32, Flak- Lager, jetzt Bilderrahmenfabrik27, KFZ- Hof2, Wirtschaftsbaracke (Truppenküche)31, Wohnhaus Kommandant

Abb. 6: Die "interaktive" Kartenskizze führt zu einzelnen Gebäuden.

Abb. 7: Annahme und Versand (Nr. 4 auf dem Plan) ca. 1950

Abb. 8: das selbe Gebäude heute

Abb. 9: Heizwerk (Nr. 19) - im Hintergrund Werfthalle

Abb. 10: Ehemalige Waffenmeisterei (Nr. 14)

Abb. 11: hinter Bäumen versteckt - die ehemalige Flugleitung (Nr. 53)

Abb. 12: die an die Flugleitung angrenzende Halle

Abb. 13: umgebaute Halle - vergleiche auch oben Abb. 3

Abb. 14: Rückansicht der gleichen Halle

 

Abb. 15: beschädigte Halle ca. 1950, vermutlich Werft (Nr. 3)

Abb. 16: dito

 

 

Abb. 17: Kasernenzaun, Hauptwache (Nr. 4) - jetzt ein Chinarestaurant - vergleiche auch oben Abb. 4. Rechts im Hintergrund das ehemalige Stabsgebäude

Abb. 18: Stabsgebäude (Nr. 6) - heute Finanzamt

 

Abb. 19: Ein Unterkunftsgebäude (Nr. 8) - heute Wohnhaus

Abb. 20: Eingang des Unterkunftsgebäudes

 

 

Das ehemalige Offizierscasino (Nr. 7)

Abb. 21: Ansicht ca. 1950 - Restaurant "Stadthalle"

Abb. 22: Ansicht ca. 1950: Innenansicht

 

Abb. 23: Ansich 2002 - Das Gebäude stand zum Zeitpunkt der Aufnahme leer

Abb. 24: dito

 

Abbildungsnachweis:

Abb. 1 - 4 und 6: Stadtarchiv Eschwege

Abb. 5: Archiv Giese

Abb. 7, 15 - 16 und 21 - 22: Bill Kent

restliche Abbildungen: Verfasser

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